Psychodynamisches und systemisches Fallverstehen

Wintersemester 2021 / 2022 Psychodynamisches und systemisches Fallverstehen

Donnerstag, 18.00 bis 20.00 Uhr, Beginn 21.10.2021, Seminarhaus - SH 2.101

Diffizile Entscheidungssituationen, Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Liebesleben oder Lern-, Arbeits- und Leistungsprobleme, starre, festgefahrene Denk-, Erwartungs- und Verhaltensroutinen, versteinerte Beziehungsmuster in Paarbeziehung und Familie, Blockaden in der persönlichen Entwicklung, u.a. führen Menschen zur Suche nach Rat und helfenden Gesprächen. Die sozialen Orte sind ebenso vielfältig wie die beteiligten Personen bzw. Professionen und Settings. Welche Modelle leiten das Verstehen der vorgestellten Konflikte, also das Fallverstehen an? Zwei (prominente) sollen in diesem Seminar zur Diskussion stehen.

Psychodynamische Modelle gehen davon aus, dass den eben exemplarisch genannten Schwierigkeiten unbewusste Konflikte und Beziehungsmuster zugrunde liegen, deren Wurzeln bis in der Kindheit zurückreichen können. Aktuelle Entwicklungsanforderungen oder besonders belastende Ereignisse im späteren Leben, etwa im Schul- oder Jugendalter, in der Phase der Elternschaft, bei Trennungs- und Verlusterlebnissen, schwerer Erkrankung oder im Prozess des Alterns, können vor diesem Hintergrund nicht bewältigt werden. Solche Konflikte, ihre Ursprünge und Bedeutung besser zu verstehen und auf diesem Weg zu verarbeiten, lautet ein Ziel psychodynamisch orientierter Arbeit.

Systemische Methoden konzentrieren ihren Blick auf das, was aktuell zwischen Individuen passiert, auf Interaktions- und Kommunikationsmuster. Erstarrungen, die blinde Wiederholung desselben Schlechten, gründlich und folgenreich  zu verstören, tritt systemische Praxis an. Zum Beispiel durch unerwartete Fragen, ritualisierte Verschreibungen, paradoxe Übungen. Systemische Therapie hat ein ganzes Repertoire an kreativen Frageformen und -techniken entwickelt, um Suchbewegungen zu gestalten und aus Verfestigung herauszuführen – Fragen sind stets Interventionen.

Wo also Professionelle damit beauftragt sind, Gespräche zu gestalten, deren Sinn und Ziel es ist, unbewusste Konflikte zur Sprache, Blockaden im Denken, Erleben und Verhalten in Bewegung zu bringen, können diese Perspektiven hilfreich sein. Sie fundieren „helfende Gespräche“,  leiten Suchbewegungen an und tragen dazu bei, kommunikativ Lösungen zu (er)finden. Institutionen und beteiligte Professionen, implizite und explizite Aufträge, gibt es viele; weit über den „klinischen Bereich“ im engeren Sinne hinausgehend. Zum Beispiel ein schulisches Beratungssetting mit verzweifelten Eltern, die immer wieder mit massiven Vorwürfen die Sprechstunde aufsuchen, weil sie Ihr Kind schlecht behandelt sehen; eine sozialpädagogische Familienhilfe vor Ort mit jungen Drogenabhängigen im Ringen um Abstinenz; ein therapeutisches Gespräch mit einem älteren Paar in einer zugespitzten Trennungskrise; das Trauergespräch nach dem Verlust einer nahen Lebenspartnerin; Biographiearbeit mit Senioren/innen in einem Heim; das unterstützende Gespräch mit einer Patientin vor einer schwierigen Operation in der Pflege. Professionalisierung in diesen und vielen anderen Kontexten ist eng mit dem Erwerb von Beratungskompetenzen verbunden.

Die Wahl der jeweiligen Perspektive, mit welchem spezifischen Blick sich professionelle Helfer/innen einem individuellen Problem oder einem Beziehungsproblem widmen, hängt von institutionellen Kontexten, persönlichen fachlichen und wissenschaftlichen Prägungen, zeittypischen „Moden“ und weiteren Umständen ab. Manchmal liegt es auch am Zufall individueller Lernorte und -möglichkeiten. Es gibt stets viele, zumindest mehrere Wege.

Zuletzt ein Blick in die soziologische Diskussionslandschaft. Beratung als spezielle „kommunikative Gattung“ (Rainer Schützeichel) expandiert, weshalb schon von einer „Beratungsgesellschaft“ gesprochen wurde. Bezeichnungen für solcherart Formen menschlicher Selbstverbesserung bzw. Selbstoptimierung sind vielfältig geworden: Coaching, Counseling, Mediation, Lebensberatung, Supervision, Training, Konfliktregulierende Beratung. Eine (ideologie)kritische Diskussion unter Überschriften wie „Beratung als Ort neoliberaler Subjektivierung“ oder „Technologien des Glücks“ (Stefanie Duttweiler) entfaltet interessante zeitdiagnostische Aspekte.  Auch sie sollen im Seminar zur Sprache kommen.

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